Ich sitze mit meinem Vater im Wartezimmer der Augenklinik am Airport, Smile Eyes (30.11.09, 10:30 Uhr). Er ist gerade aus der Katarakt-OP herausgekommen und muss noch eine halbe Stunde ruhen. Wir unterhalten uns über die Prozedur. Er erzählt, wie sie ihm ein Tuch über den Kopf legten, den Augenbereich öffneten und in den Augen "herumstocherten" (mit dem Laser).
Da kommt uns ein älterer Herr entgegen. Er saß vor uns auf dem Stuhl. Ist um die 70 und trägt auch einer dieser Augenschutzteile.
Er beugt sich zu mir herunter und sagt mit dem gemächlichen Ton eines alten Mannes: "Was für ein Landsmann sind Sie?"
"Wir kommen aus der Türkei!" sage ich ausdrücklich bewußt, und nicht "Türke!" weil das in meinen Ohren sehr abfällig klingt, geradezu ein Schimpfwort ist. Ich sage auch nicht: "Wir sind türkische Staatsangehöriger!" weil ich mittlerweile die deutsche besitze.
"Aus welcher Seite?" fragt er kundig, was mich überrascht. Denn viele wissen nicht mal, dass die Türkei auch eine europäische Seite besitzt, bzw. aus zwei Teilen besteht: Der anatolischen und der europäischen Seite.
"Wir kommen aus der europäischen Seite, aus Trakien!" sage ich, um ihm noch etwas länderkundliches "beizubringen", bzw. um den richtigen Ausdruck zu benutzen. Denn ich bin Trakier, kein Anatolier. Während Anatolien eine hinterwäldlerische Konnotation hat, Anatolier einen negativen Beigeschmack besitzt, steht Trakien für das europäisch Fortschrittliche. Vielleicht sagt er auch aus diesem Grund zu mir:
"Ihr seid gut!" Oder sagt er "Die sind gut!" Ich nehme es akustisch nicht so genau wahr weil er etwas nuschelt.
Ich frage mich, was er damit meint. Ob wir nicht wie Türken aussehen? Ob wir uns nicht prollig und hinterwäldlerisch verhalten, bzw. nicht das klischeemäßige Verhalten von typischen Türken zu Tage legen.
"Ihr seid gut!" Sagt er und setzt sich an seinen Platz und sagt seiner Begleitung: "Die kommen aus der Türkei!"
Ich sage zu mir: "Ich hätte ihn fragen sollen, was er denkt aus welchem Land wir kommen, bevor ich es ihm gesagt habe." Ich trau mich auch nicht, ihn im Nachhinein zu fragen, was er dachte, woher wir herkommen. Allzugerne hätte ich auch gewußt, warum er wissen wollte woher wir kommen.
Denn solche Szenen gehören zu meinem Alltag:
"Was für ein Landsmann bist du?!"
Obgleich die Leute dies wissen wollen, fragen sie salopp:
"Woher kommst du!?"
Und DA lautet meine Antwort immer: "Ich komme aus Neufahrn!"
Wenn die verwirrt nach meiner Nationalität fragen: "Deutsch!"
Da müssen die schon genauer sein, wenn sie wissen wollen "woher ich her komme!"
Die genaue Frage lautet da: "Aus welchem Land kommen deine Eltern!" oder "Wo sind deine Wurzeln!" Denn ich bin mehr Bayer als Türke. Eher ein trakischer Bayer.
Man fragt einen Afro-amerikaner auch nicht: "Wo kommst du her!" und möchte eigentlich seinen Ursprung wissen, also aus welchem Land seine Sklavenvorfahren hergeschleppt worden sind.
Auf die Frage: "Wo kommst du her!" antwortet ein Afro-amerikaner wohl von wo er gerade herkommt, von welchem Ort oder aus welcher Stadt: "Toilette, Cafe, Saint Louis, Missouri!"
Auf die Frage: "Wo kommst du her!" werde ich demzufolge auch antworten:
"Aus der Toilette, aus dem Cafe, aus Neufahrn!"
Aber nicht:
"Ich komme aus Kirklareli, das ist eine Stadt in der Türkei, und die liegt in Trakien, das ist die europäische Seite von der Türkei!"
Aber das erwarten die Leute, wenn sie mich fragen: "Wo kommst du her!"
Stell dir vor, falls du ein Deutscher bist, wenn man dir die Frage stellt: "Wo kommst du her!"
Da anwortest du auch nicht: "Deutschland" bzw. "Ich komme aus Neufahrn, das ist in Bayern, das ist ein Bundesland von Deutschland!"
Auch dies wäre die richtige Antwort auf die Frage: "Wo kommst du her!" bei mir.
Aber ein Deutscher will nicht das hören und meint auch nicht das.
Wenn er frägt: "Wo kommst du her!" meint er: "Du siehst nicht Deutsch! aus. Also ist dein Vater ein 'Gastarbeiter', der immer noch hier lebt. Aus welchem Land kommt eure Sippschafft!? Was für ein Landsmann bist du? Auch wenn du mittlerweile einen Deutschen Pass haben mögest. Du bist kein Deutscher. Also: DU Ausländer, wo kommst du her! Aus welchem Fremden Land!"
Der Automatismus, der hier läuft muss so aussehen:
"Wo kommst du her?"
"Türkei!"
"Aha, ok!"
Ende.
Eine Frage zurück: "Wo kommst du her?" wäre entweder ein ironisches Spiel oder eine ernste Frage, falls man den Gegenüber nicht als Deutschen zuordnen kann. Denn sonst erntet man wieder verwirrte Reaktionen: "Ich bin Deutscher, wieso?"
Warum fragen die Leute so gerne: "Wo kommst du her!?"
Ist die Person (einfach so) neugierig und will die Neugier für sich stillen, oder ist dies der Beginn eines interessanten Dialogs, eine Öffnung für das Fremde, ein Umarmen und Auflösen der trennenden Wände.
Autor, Fotograf, M.A.Medienwissenschaftler, Queerdenker --- befasst sich gerne mit: Medien, Film, digitale Welt, Schöngeistiges
Dienstag, 1. Dezember 2009
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