Ich habe es mir auch angeschaut, aber nicht gebloggt. Ich empfand das nicht erwähnenswert meine subjektive Sicht, der Öffentlichkeit kundtzutun. Aber ich darf den neugierigen Weißwürschten meinen Senf wohl nicht vorenthalten. Also:
An dem Tag starrte ich wirklich gefühlte 24 Stunden in die Röhre.

Als Langschläfer sass ich natürlich nicht vor 14 Uhr vor dem Flimmerkasten, aber ich ließ mich berieseln von dem ersehnten Leben in Berlin. Nicht nach dem Leben der anderen sehnte ich mich, sondern dem Leben in Berlin.
So ließ ich die Parallel-Zeit im Fernseher laufen, und ließ diesen auch beizeiten rein in meine Behausung, in der ich ein Leben zu führen versuchte, welches ich mit den vielen Leben stets verglich, die mir vorgeführt wurden.
Wie eigentümlich müssten sich die Berliner selbst fühlen, die sich ja in dieser Stadt befanden, und das wahre Jetzt-Leben führten. Vielleicht dachten sie daran, was sie vor einem Jahr am 05.09.2008 so trieben. Ich kann mich vage an aufgestellte Kameras erinnern, die am Hauptbahnhof die Passagiere und den Tumult filmten. Die Aufkleber an den Kameras und Wägen: "24h Berlin" erzeugten in mir den Gedanken: "Ist sowas wie ein internetportal, wo man, wie beim Wetter- oder Städtekanal, die Aussicht sich angucken kann, und was dort gerade abgeht." Kurz flackerte in mir der Wunsch, selbst in dieses Projekt einzusteigen auf, welches im Nu erstickt wurde, von der Realität.
Wie dem auch sei, ich wußte damals ja nicht, das dies am 5. September 2009 ab 6 Uhr morgens auf Sendung gehen würde, u.a. auf ARTE, was zusätzlich mit Public-Viewing-EVENTS in der Stadt Berlin, verbunden sein sollte. Was für ein kurioser Zustand dies während der Ausstrahlung doch sein mochte: Was für "eine erstaunliche Verbindung zwischen dem Leben vor dem Bildschirm und dem Leben darin." Die Realzeit des Mammut-Doku-Projekts "24hBerlin" von Volker Heise flimmerte von Leinwändern an öffentlichen Plätzen, in Cafes, Theatern oder sonst wo, der echten Realzeit der Lebenden in Berlin entgegen, die sich parallel der Handlung mit oder ohne Interaktion vollzog.
Und vom Alexanderlatz in 569.162 km Entfernung saß Emrullah im Kämmerlein und machte sich seine Gedanken, über die reale Welt, über die vielen Menschen hinter der Kamera und über die Unmenge von gedrehtem Material, über die Machart, über die Mammutaufgabe, das alles zu sichten und zu schnippeln. Beachtung.
Und die Kunstfertigkeit, die Reale Zeit mit der Filmischen Zeit überlappen zu lassen, ohne jegliche Verschiebung, oder Pseudo-Parallel-Zeit-Vorgaukelung. Und die Idee ging auf. Gekonnte Arbeit wurde einem da aufgesetzt. Und auch der Inhalt vernahm einen.
Und ich ärgerte mich, dass ich kein Frühaufsteher war, und ich "Berlin 24" nicht von Anbeginn an ab 6 Uhr gesehen hatte, aber ich wollte so lange bleiben wie es ging. Ich denke, ich schaffte es auch bis 24 Uhr. Vor dem Ausschalten, verneigte ich mich vor der Arbeit, und knipste den lebendigen Bildschirm ins Schwarze.
Als Liebhaber gutgemachter, non-mainstream Projekte, hatte ich dieser Arbeit Respekt gezollt und dokugesehen.
